Emotionale Dystopie: Novella : Madeleine
1
Endlich war es der Postbote. Derjenige, der alle Schlüssel zu verschlossenen Türen besitzt. Er fuhr mit seinem Fahrrad durch einen alten Hausflur, der zwei große Gebäude voneinander trennte,
und hielt langsam vor einem von ihnen an.
Er überprüfte ein Bündel Briefe, das er aus der Fahrradtasche gezogen hatte, dann durchsuchte er seinen Schlüsselbund, drehte die Schlüssel wie jemand,
der eine alte Melodie aus einem kalten Gedächtnis heraufbeschwört.
Nadim streckte den Kopf aus dem Fenster. Ein junger Mann Ende zwanzig, dessen Gesicht jedoch wie das eines Sechzigjährigen wirkte –
blass vor übermäßiger Vorsicht.
Sobald er sah, wie der Postbote wieder aufstieg und weiterfuhr, eilte er hinaus, gekleidet in einen leichten Pyjama.
Lautlos murmelte er: „Heute muss sie ankommen…
mein Glückstag.“
Er öffnete seinen Briefkasten, der wie ein altes Burgtor wirkte – und fand nichts.
Da erinnerte er sich, dass er ihn gestern geleert hatte: voll mit Werbeprospekten, deren bloße
Anwesenheit in ihm einen unerklärlichen Groll auslöste – als erinnerten sie ihn daran, dass er noch immer „abonniert“ war.
Langsam stieg er die Treppen hinauf, als ziehe ihn etwas Unsichtbares
nach unten. Und wie immer schloss er die Tür mit größter Behutsamkeit – um ja keinen Zorn zu wecken.
Im Gebäude kroch die Stille wie Rauch unter den Wohnungstüren hindurch.
Nadim war daran gewöhnt, als lebte er in einem tugendhaften Haus. Keine laute Musik. Keine Türen, die mit den
Füßen zugeschlagen wurden. Keine hörbaren Schritte.
Die Nachbarn bewegten sich, als hätten sie sich unausgesprochen geeinigt, auf Zehenspitzen durch eine unsichtbare Ballettaufführung zu schreiten,
der niemand zusah.
Selbst die Wohnungen glichen einander: zwei Zimmer, ein Bad, eine Küche – ohne erkennbare Logik in der Raumaufteilung.
Das Schlafzimmer zeigte zur Straße, ebenso das Wohnzimmer
– als hätte die Bauplanung den zukünftigen Frieden geahnt und die Fenster willkürlich platziert.
Nadim nutzte das zweite Zimmer nicht. Er schlief im einen, aß in der Küche, wo ein alter
Fernseher stand, dessen Funktionsfähigkeit zweifelhaft war.
Was ihn dort hielt, war das Fenster – mit Ausblick auf einen Wald, der so gestaltet war, dass er dem Bewohner eine visuelle Fluchtmöglichkeit
bot, wie ein Komplott mit der Illusion.
Wären da nicht die Geräusche von Rasentrimmern und Laubbläsern – er hätte das Fenster nie geschlossen.
Obwohl kein Möbel das zweite Zimmer betreten hatte, füllte Nadim es mit Büchern.
Dutzende stapelten sich entlang der Wände – ohne Ordnung – wie eine surreale, atmende Geometrie.
An
manchen Stellen erreichten sie einen halben Meter Höhe, an anderen lagen sie in Haufen von zwei Büchern oder weniger.
Sogar im Schlafzimmer, auf einem Teppich neben dem Bett, oder am Spülbecken in der Küche
– man konnte jederzeit über ein Buch stolpern, das dort ohne Absicht auf Rückkehr lag.
Es waren die Worte, die ihn faszinierten. Vielleicht der einzelne Satz.
Doch selten beendete er ein ganzes Buch,
ohne sich in Fantasien zu verlieren – bis er vergaß, was er las.
Drei Tage waren vergangen, seit er das letzte Mal den Briefkasten kontrolliert hatte.
Er hatte sie wie jede Ferienzeit verbracht: lesend, träumend, von Zeile zu Zeile springend – bis alles verschwand.
Irgendwann
riss er eine Seite aus einem Buch, das ihm nicht gefiel, und schrieb mit zitternder Hand:
„Ach, dieses schöne Chaos in mir… Ich kann mir vorstellen, dass ein Bär an der Sorbonne doziert – ohne
dass es ein Witz ist.
Meine Einsamkeit ist mir halbwegs gelungen. Aber durch welche Tür tritt man wieder hinaus? War es eine Falle?“
Am vierten Morgen wiederholte sich die Szene.
Postbote. Schlüsselklirren. Nadim, barfuß in seinem Pyjama, eilte leise die Treppe hinunter – als flöhe er vor sich selbst in eine äußere
Möglichkeit.
„Da ist sie also!“ flüsterte er.
„Endlich angekommen.“
Er stieg die Treppen hinauf, als trüge er seinen Schatten in den Händen.
Er öffnete den
Umschlag bereits im Treppenhaus – konnte nicht warten, bis er drinnen war.
Er trat in seine Wohnung, während er las – und in seinem Gesicht erschien dieser Ausdruck:
Nicht Freude. Nicht Trauer. Sondern
eine aufgeschobene Gewissheit.
2
Die alte Wanduhr zeigte vier Uhr morgens, als Nadim plötzlich aufwachte – als hätte ein schwacher Stromstoß seinen Körper ohne Vorwarnung durchzogen.
Er öffnete die Augen
weit und starrte auf einen kleinen leuchtenden Fleck in der Mitte der Zimmerdecke.
„Wie konnte ich die Antwort bisher nicht geschrieben haben? Wenn ich sie morgen abschicke, bekomme ich die nächste Antwort
viel schneller…“
Er sprang hastig aus dem Bett – und trat in der Dunkelheit auf ein liegengebliebenes Buch am Rand des Teppichs. Mit einem dumpfen Schlag fiel er zu Boden und murmelte: „Verdammt…
die Nachbarn müssen jetzt panisch wach sein.“
Er zog sich in die Küche zurück wie jemand, der einen Tatort verlässt, den er gar nicht betreten hatte, und kehrte eine Minute später ins Zimmer
zurück. Das Buch, dessen Einband sich offenbar in einem Moment der Gleichgültigkeit von ihm verabschiedet hatte, legte er auf das Bett – mit einer Geste, die Fürsorge nur zu imitieren schien. Dann löschte
er das Licht und verließ den Raum.
In der Küche setzte er sich an den Tisch.
Hinter dem Fenster lag alles in tiefer Dunkelheit, als blicke man auf einen Mythos ohne Anfang – nur der Kiosk auf der gegenüberliegenden Straßenseite
warf ein unruhiges Licht auf den Bürgersteig und ließ gebrochene Reflexe an der Küchendecke tanzen.
Nadim zog ein weißes Blatt hervor – so grell, als sei es ein Testament vor dem Zusammenbruch
– und begann zu schreiben:
„Liebe Madeleine,
dein Brief vom siebten Januar ist bei mir angekommen. Es tut mir sehr leid, in welchem…“
Er stockte.
Vor seinem inneren Auge formte sich ihr Gesicht – von einer stillen Enttäuschung benetzt.
„Warum schreibe ich ‚erbärmlichen‘ Zustand? Das klingt so hart.
Vielleicht ‚schlecht‘ oder ‚traurig‘? Nein, ‚traurig‘ verstärkt nur ihren Schmerz… Sie könnte denken, ich sei selbst depressiv. ‚Schlecht‘ ist besser –
wie ein Wetterbericht… neutral, distanziert, austauschbar.“
Er strich das Wort durch und schrieb:
„…in welchem schlechten Zustand sich die Gesundheit deines Bruders befindet. Und egal, was
passiert – ich bin immer für dich da…“
Wieder hielt er inne.
„‚Egal, was passiert‘? Das klingt, als rechne ich mit seinem Tod und nutze das emotional aus! Nein… Vielleicht sollte ich das alles ignorieren. Aber die Hälfte
ihres Briefes drehte sich um ihn – ich kann das nicht einfach auslassen.“
Er schrieb weiter:
„Ich bin immer für dich da. Was mit dir geschieht, ist mir wichtig. Du kannst dich auf mich verlassen. Ich liebe dich, Madeleine. Ich liebe dich, weil du… vielleicht
der einzige Mensch bist, der mich in dieser Welt verstanden hat.“
Er hielt erneut inne.
„Warum ‚der einzige‘? Sie wird begreifen, dass ich vollkommen allein bin – ein Wesen, das der Planet ausgespuckt hat, von den Göttern des Olymp bis zum
Postboten. Besser: ‚einer der wenigen‘.“
Er korrigierte:
„…einer der wenigen, die mich verstanden haben. Ich denke darüber nach, bald zu euch zu kommen. Ich mochte deine Mutter, als wäre sie meine eigene. Und dein Bruder
– mit seinem explosiven Lachen – ist mir ans Herz gewachsen. Diese Entfernungen… sie wirken wie himmlische Mauern zwischen denen, die man liebt. Ich werde im Sommer Urlaub nehmen, selbst wenn es mich meinen
Job kostet. Du weißt ja, wie wenig ich den neuen Chef ertrage – dieses vage menschliche Gebilde, das die Natur bis heute keiner bekannten Form zuordnen konnte… Er wird mit jedem Atemzug hässlicher und
mit jedem Schweigen gemeiner.
Was mich betrifft, geht es mir gut. Ich verbringe viel Zeit draußen. Ich treffe Freunde – gestern erst habe ich den besten von ihnen im Schach besiegt. Ich überlege sogar, an einem internationalen Turnier teilzunehmen, aber das verschiebe ich, bis ich bei euch bin und mich vergewissert habe, dass es deinem Bruder gut geht. Ich hoffe, ich treffe ihn wieder gesund – wie ich ihn kenne: lachend, beliebt, kindlich listig. Alles andere ist in Ordnung. Ich verspreche dir: In wenigen Wochen mache ich mich auf den Weg zu euch. Ihr seid meine Familie. Und du, du bist meine Geliebte. Ich liebe dich mehr als mich selbst.
Bleib gesund.
Mit meinen innigsten Küssen,
Nadim.“
Er faltete den Brief hastig, als wolle er einen inneren Strom unterbrechen, der nicht aufhören wollte zu fließen.
Er warf einen letzten Blick auf das Papier, dann wandte er sich davon ab –
als schütze er es vor dem bekannten Zögern, das aus seinen Augen drang, seit es sich heimlich in seinem Herzen eingenistet hatte.
3
Die Minuten vergingen wie leise, vibrierende Töne aus einem alten Radio.
Nichts geschah. Nichts wurde gesagt. Nur ein ausgedehntes Nachdenken am äußersten Rand des Waldes, begleitet vom
zögerlichen Ticken der Uhrzeiger.
„Soll ich den Brief heute abschicken? Ich habe Briefmarken, und den Briefkasten sehe ich von meinem Fenster aus… Warum also zögern? Warum dieses ganze Grübeln?
Vielleicht sitzt sie jetzt gerade auch am Fenster, wie ich, und wartet. Vielleicht trägt sie in ihrem Herzen einen Funken Hoffnung, den mein Brief entfachen könnte.“
Er öffnete den Brief erneut. Las ihn zum vierten Mal.
„Da ist nichts Falsches drin. Ich habe ihn sorgfältig geschrieben, jedes Wort geprüft. Worauf warte ich also?“
Er stand
leichtfüßig auf, öffnete den Kühlschrank, holte eine Flasche Bier und öffnete sie.
„Warum kannst du nicht einfach einmal spontan sein, Nadim? Warum muss jedes Wort durch Filter der Bedeutung
gehen, als würdest du ein weltpolitisches Kommuniqué verfassen?“
Er erinnerte sich an die Beschreibung ihres Bruders: „Er wirkt mehr tot als lebendig“, und an die Mutter, die stundenlang schweigend an seinem Bett saß, den Atem mit ihm teilend.
„Das
ist ein erbärmlicher Zustand. Reiner Elend. Und doch habe ich geschrieben: ‚schlechter Zustand‘. Als wäre ich ein Wettermoderator, dem es gleichgültig ist, ob es Meteoriten regnet oder Messer vom
Himmel wachsen.“
Er trank die halbe Flasche in einem Zug.
„Hast du Angst, dass sie dich verlässt? Dass sie sagt: ‚Du hast mich verletzt, Nadim, und ich werde dir nie verzeihen‘? Hast
du Angst vor der Einsamkeit? Und wie lebst du jetzt, bitte schön?“
Plötzlich stand er auf – als hätte ihn ein Stromschlag getroffen – zog sich hastig an und rannte auf die Straße, als brenne das ganze Gebäude hinter ihm. Er lief ohne Ziel, ohne
Richtung.
„Weißt du was? Vielleicht bist du wirklich einer der Gründe für ihr Unglück. Irgendwo da draußen ist ein Mann, der jetzt ihre Hand hält, bei ihrer Mutter sitzt – während
du alleine in deiner armseligen Wohnung herumirrst und sie belügst: ‚Ich gehe jeden Tag raus, treffe Freunde.‘ Welche Freunde, Nadim? Glaubst du, sie merkt das nicht? Glaubst du, sie sagt sich nicht: ‚Ich
kenne ihn. Ich kenne Nadim. Der kann seine Zeit unmöglich mit anderen verbringen – der liebt die Stille. Und Bücher.‘“
Er ging schwerfällig, vorsichtig, als würden die Passanten seine Gedanken kennen und ihn dafür verurteilen.
Er kehrte auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu seinem Haus zurück.
Blieb vor dem hell erleuchteten Kiosk stehen – einer nächtlichen Ikone gleich – griff nach irgendeiner Zeitung und einer Flasche Bier.
„Zahlst du viel für diese Beleuchtung?“
Der
Kioskbesitzer antwortete: „Nicht besonders. Aber jeder Dieb denkt zweimal nach, bevor er es hier versucht. Wie du siehst, ist alles offen einsehbar.“
Nadim lachte seltsam, als hätte er ein altes Rätsel
entschlüsselt. Er fragte nach dem Geschäft, nach dem Umsatz – die Antworten waren routiniert:
„Es läuft. An Feiertagen besser. Die Leute kaufen mehr.“
Dann fragte er: „Wohnst du hier?“
„Nein. Ich fahre jeden Tag zurück in mein Dorf. Zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück. Vier Stunden unterwegs, jeden Tag.“
„Willst
du nicht hierbleiben? Du würdest viel Zeit und Geld sparen.“
„Meine Mutter und meine Frau wollen nicht in die Stadt. Und ich bin bereit, zehn Stunden am Tag zu reisen, aber ihren Trost werde ich nicht
verlieren.“
Nadim sagte: „Du hast völlig recht. Danke, mein Freund.“
Er ging weiter. Die Abendlichter schimmerten durch niedrige Fenster, und das abklingende Brummen der heimkehrenden Autos malte ein zersplittertes Geräuschmuster an den Himmel.
In jeder flüchtigen
Sekunde stahl sich Madeleine in seine Gedanken – einmal lachend, einmal traurig, einmal wie ein altes, zeitloses Foto, einmal wie eine vorweggenommene Zukunftsvision.
„Ich bin schuld… Ich bin schuld
an all dem.“
Er kehrte mit schnellen Schritten zurück. Seine Augen tasteten die Pflastersteine ab – als hätte eine Antwort vom Himmel gefallen und sich dazwischen verhakt.
4
Nadim kehrte nach Hause zurück und schlug die Tür ungewohnt heftig zu.
Es war der fünfzehnte Tag seines Urlaubs. Morgen würde er wieder ins Büro müssen – dorthin, wo
er die Namen aller kannte, außer seinen eigenen.
Er ging zur Flasche, trank den letzten Rest, öffnete die zweite und begann zu trinken, als wäre es ein seltener Sud aus der Pflanze der Jugend, nach der
einst Gilgamesch suchte und sie nie fand.
Er starrte auf die näher rückenden Wände und murmelte:
„Was ist das für ein Haus? Die Wände ziehen sich zusammen, sie kommen sich näher wie ein enger Atemzug in der Brust
eines alten Mannes.“
Er zog den Brief aus seiner Tasche, las ihn erneut – als wäre er selbst Madeleine, tastete die Worte ab, prüfte ihren Klang, wog jede Zeile auf der Waage von Erinnerung und Empfindung.
Dann
faltete er ihn langsam zusammen und steckte ihn zurück.
„Ich werde ihn morgen früh abschicken. Es ist mir egal. Ich war nicht der Grund für irgendeine Krankheit. Ich habe sie nicht im Stich gelassen.
Ich war immer an ihrer Seite… Woher kommt dann dieses Gefühl? Warum habe ich Angst zu weinen, obwohl ich gar keine Traurigkeit empfinde?“
Er zog sich aus und legte sich auf das Bett wie eine Leiche, der nur noch die Nummer fürs Obduktionsprotokoll fehlt.
Er dachte:
„Ich habe Angst, sie zu verlieren… Ich habe mit der
Antwort zu lange gewartet. Vielleicht beginnt sie, sich von mir abzuwenden?“
Die Stille tropfte wie blasses Licht durch das Zimmer, und der helle Fleck an der Decke – das Reflexlicht des geschlossenen Kiosks
– blieb wie eine leuchtende Narbe auf der Stirn der Nacht.
Es war auf seltsame Weise das letzte Überbleibsel der Außenwelt, die sich nun in sich selbst zurückgezogen hatte.
Nach einigen Stunden erwachte Nadim – getaktet nur vom Kiosklicht.
Der Lichtfleck an der Decke war noch da, als würde er auf ihn warten.
Er stand auf, als erinnere er sich an etwas, das
er schon vor langer Zeit hätte tun sollen.
Er ging in die Küche, aß eine Kleinigkeit, dann verließ er die Wohnung.
Eos, die Göttin der Morgenröte, begann gerade, die Nacht von der Erde zu ziehen.
Der Horizont glühte wie ein altes rotes Gebet, das langsam durch die Poren der Seele sickert, um sie von den
Sünden der flüchtigen Träume zu reinigen.
Nadim ging mit festen Schritten zum Briefkasten. Er hatte sich entschieden.
Als er ankam, zögerte er nicht:
Er steckte den Brief in den Umschlag, las ihn ein letztes Mal und flüsterte:
„Zumindest wartet sie auf eine Antwort… ein Wort, ein Gefühl…“
Dann
hielt er den Umschlag für einen Moment fest – und ließ ihn los, als ließe er den letzten Faden zum gestrigen Tag fallen.
Er ging mit einer seltsamen Leichtigkeit weiter, als sei etwas in ihm geheilt worden.
„Geliebte Madeleine, jetzt ist er auf dem Weg zu dir…“
Doch die Autos bewegten sich heftig, als
hätte ein unbemerkter Wettlauf begonnen.
Plötzlich überkam ihn ein Gefühl der Fremdheit, ohne Erklärung.
„Vielleicht ist es die morgendliche Feuchtigkeit? Vielleicht war ich in der
letzten Woche zu hart zu mir selbst? Aber… es ist vollbracht. Warum also kehrt dieses Gefühl der Einsamkeit zurück? War ich in den letzten Tagen nur durch den Brief von ihr abgelenkt?“
Er ging am geschlossenen Kiosk vorbei.
Die Lichter wirkten heller als aus dem Fenster seiner Wohnung.
Er fühlte sich plötzlich wie auf einer Theaterbühne, das Publikum im Dunkeln, das
Licht nur auf ihn gerichtet.
„Warum all diese Schuldgefühle? Ich habe doch nichts getan. Niemandem wehgetan. Warum dann dieses erdrückende Gefühl?“
Er blieb einen Moment unter dem Licht stehen, inmitten der sich lichtenden Dunkelheit, als würde er die Schlussszene eines namenlosen Stücks spielen.
Er flüsterte:
„Vier Stunden
Fahrt täglich, um Frieden zu finden? Warum versuche ich nicht drei Stunden… zu Madeleine?“
Seine Augen glänzten, sein Körper schwankte, als hätte er unsichtbaren Staub von seinen Schultern
abgeschüttelt.
Dann flüsterte er erneut:
„Heute gehe ich nicht zurück nach Hause… sondern zu ihr.“
Und er ging los, diesmal mit einer klaren Richtung.
Ende.










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